Darum geht’s 2018-09-27T16:04:31+00:00

Die Fair-Food-Initiative will Lebensmittel aus einer naturnahen, umwelt- und tierfreundlichen Landwirtschaft mit fairen Arbeitsbedingungen fördern. Ihr Ja am 23. September kommt allen zugute: Konsumentinnen und Konsumenten,  Bäuerinnen und Bauern, Tieren, Klima und Umwelt – in der Schweiz und im Ausland.

Tierwohl statt Tierfabriken

Wir alle wünschen uns, dass Tiere artgerecht gehalten werden. Trotzdem landen Eier und Fleisch aus industrieller und quälerischer Massentierhaltung in den Regalen unserer Supermärkte. Die Fair-Food-Initiative will keine Lebensmittel aus tierquälerischer Produktion. Und mit einer transparenten Deklaration der Produktionsweise können sich Konsumentinnen und Konsumenten beim Einkauf für mehr Tierwohl entscheiden.

In den meisten Ländern, aus denen die Schweiz Fleisch importiert, haben sich riesige Tier­fabriken etabliert. Der grösste Geflügelschlachthof Europas steht beispielsweise in Deutsch­land. Die gesetzlichen Regelungen lassen industrielle Mastbetriebe zu, in denen zehntau­sende Tiere in zu engen Gattern und Käfigen gehalten werden. Um Seuchen abzu­wen­den, werden die Tiere intensiv mit Anti­biotika behandelt. Nach der Mast werden sie häufig quer durch Europa transportiert, um in grossen Schlachtzentralen möglichst günstig geschlachtet zu werden. Für die Tiere bedeutet dies gosses Leid. Eng zusammengepfercht und ohne Aus­lauf oder Tageslicht aufgewachsen, leiden sie unter Stress, Krankheiten und Verletzungen. Die grossen Tierkotausschüttungen und Medikamentenrückstände der Tier­fabriken verursa­chen zudem starke Boden- und Gewässerverschmutzungen. Diese Art der Tierhaltung ist nicht vertretbar.

Die Schweiz kennt beim Tierschutz in vielen Bereichen höhere Standards als andere Länder. So sind z.B. Bestandesobergrenzen bei der Nutztierhaltung festgelegt, die Käfighaltung von Geflügel verbo­ten oder die Dauer von Tiertransporten auf maximal sechs Stunden begrenzt. Das Tierschutzgesetz wie auch gezielte Förderprogramme haben bisher verhindert, dass sich Tierfabriken etabliert haben, wie sie in den meisten Exportländern vorgefunden werden. Auch wenn die gesetzlichen Mindestanfor­derungen teilweise Lücken aufweisen und es Mängel bei der Umsetzung gibt, erfüllen viele Betriebe durch vom Bund geschaffene Anreize höhere Anforderungen für das Tierwohl.

Dennoch landen auch in der Schweiz Fleisch und Eier aus Tierfabriken in den Verkaufsre­ga­len. Insbesondere bei importierten Fertigmenüs und verarbeiteten Produkten, aber auch in Restaurants und Kantinen findet sich häufig Fleisch von bedenklicher Qualität. Fleisch aus industrieller Massenproduktion wird auf den Weltmärkten billig angeboten und in verarbeitete Produkte beigemischt, weil Herkunft und Produktionsmethoden nicht deklariert werden und sich auch kaum nachverfolgen lassen. Mit der Fair-Food-Initiative wird die Deklaration transparenter und der Tierschutz auch in der Schweiz verbessert – zum Wohl der Tiere wie auch zum Nutzen der Konsumentinnen und Konsumenten! Dies verlangt übrigens auch Albert Rösti (SVP) in einer Motion, die der Nationalrat leider abgelehnt hat.

Fairer Handel statt Ausbeutung

Fast die Hälfte der Lebensmittel in der Schweiz wird heute importiert. Die Fair-Food-Initiative fördert auch bei Importen Qualität und Nachhaltigkeit. Der weltweite Handel mit Lebensmitteln darf nicht auf Kosten von Bäuerinnen und Bauern, fairen Arbeitsbedingungen, Tierwohl und Umwelt gehen. Wir alle wollen mit gutem Gewissen geniessen – unabhängig davon, ob Lebensmittel aus der Schweiz oder dem Ausland kommen.

Knapp die Hälfte aller Lebensmittel, die in der Schweiz konsumiert werden, wird von Bäue­rinnen und Arbeitern auf Feldern, Plantagen, Mast- und Verarbeitungsbetrieben in ande­ren Ländern hergestellt. Deshalb trägt die Schweiz auch eine grosse Verantwortung dafür, unter welchen Arbeits­bedingungen diese Lebensmittel hergestellt werden. Es ist inakzep­tabel, dass in der Schweiz Lebensmittel zu Tiefstpreisen in den Verkaufsregalen stehen, die zu Lasten von ausgebeuteten Arbeitskräften im Ausland produziert wurden.

Der Anteil an fair gehandelten Lebensmitteln ist nach wie vor klein. Pro Kopf und Tag geben Schweizerinnen und Schweizer gerade mal 14 Rappen für Fairtrade-Produkte aus. Doch die Frage nach fairen Arbeitsbedingungen stellt sich nicht nur bei Produkten aus Entwick­lungsländern. Anstel­lungen zu Hungerlöhnen, überlange Arbeitszeiten oder Gefährdung der Gesundheit wegen mangeln­dem Schutz vor Chemikalien oder Arbeitsunfällen kommen auch in Europa vor.

Rund ein Viertel des in die Schweiz eingeführten Gemüses stammt beispielsweise aus Spanien. Dort haben sich riesige Treibhausplantagen etabliert, in denen hauptsächlich Migrantinnen und Migranten aus Nordafrika und Osteuropa unter prekären Bedingungen als Tagelöhner arbeiten. Allein in der Provinz Almeria bedecken Treibhäuser eine Fläche von rund 36‘000 Hektaren – knapp 10 Prozent der Schweizer Ackerfläche. 16 Stunden-Arbeits­tage, Temperaturen von über 40 Grad und ein Lohn von 2.50 Euro pro Stunde sind keine Seltenheit. Die ArbeiterInnen sind häufig weder unfallversichert noch erhalten sie eine Altersvorsorge. Das Problem verschärft sich insbesondere bei Migrantinnen und Migranten ohne gültige Papiere. Solche Arbeitsverhältnisse beschränken sich keineswegs nur auf Spanien.

Ausbeuterische Arbeitsbedingungen ziehen sich teilweise auch in der Lebensmittelindustrie fort. Insbesondere grosse internationale Nahrungsmittelkonzerne geraten immer wieder in Verruf, auf dem Buckel von FabrikarbeiterInnen möglichst billig zu produzieren. So sind beispielsweise die Arbeitsbe­dingungen in deutschen Schlachthöfen jüngst zu einem Politi­kum geworden. In manchen Grossbe­trieben zerlegen Akkordarbeiter bis zu 14 Stunden am Stück Tiere am Fliessband – zu einem Stunden­lohn von 4 Euro – was weit unterhalb der Mindestlohngrenze in Deutschland liegt.

Prekäre Arbeitsbedingungen im Ausland haben direkte negative Auswirkungen auf die Arbeitsverhält­nisse in der Schweiz. Aufgrund der ausländischen Billigkonkurrenz verdienen lokale Bäuerinnen und Bauern mit ihren Produkten zu wenig. Landwirtschaftliche Arbeit ver­kommt vermehrt zur Billiglohn­arbeit. In der Folge findet ein «Outsourcing vor Ort» statt: Feld­arbeit wird verstärkt an ausländische Arbeitskräfte vergeben, die auch in der Schweiz teilweise zu Tiefstlöhnen angestellt werden.

Mit der Fair-Food-Initiative sollen entlang der gesamten Lebensmittelkette faire Arbeitsbedin­gungen entstehen. Fair bedeutet, dass Bäuerinnen und Bauern vergleichbare Löhne wie die übrige erwerbstätige Bevölkerung in der Region erzielen, wie dies in der Schweiz bereits heute im Landwirtschaftsgesetz angestrebt wird. Dies ist nur möglich, wenn sie nicht mit der Billigkonkurrenz der Agroindustrie mithalten müssen. Beim Import sollen Produkte aus fairem Handel begünstigt werden, die mindestens unter den von der internationale Arbeitsorganisation (ILO) definierte Arbeitsnormen hergestellt wurden. Diese umfas­sen etwa das Verbot der Zwangs- und Kinderarbeit, die Lohngleichheit für Mann und Frau oder das Recht auf Vereini­gung der Angestellten. Ziel ist, dass die in der Schweiz verkauften Lebensmittel nicht nur umwelt- und tierfreundlich, sondern auch sozial fair hergestellt wurden.

Regional statt eingeflogen

Klimawandel und Umweltzerstörung gefährden die Lebensgrundlagen unserer Kinder und sind schon heute eine Bedrohung. Die Fair-Food-Initiative fördert nachhaltiges und regionales Essen. Das kommt nicht nur der Umwelt, sondern auch den Bäuerinnen und Bauern zugute. Und unserer Gesundheit: Dank der Initiative bekommen wir mehr frische und gesunde Lebensmittel mit kürzeren Transportwegen auf unsere Teller.

Saisonale und regionale Lebensmittel weisen die beste Ökobilanz auf. Sie sind zudem frisch, natür­lich, authentisch und gesund, und bilden einen wichtigen Bestandteil der Ernährungs­kul­tur. Lokale Verarbeitung bringt ebenfalls Vorteile für die Umwelt: die Transportwege werden wesentlich verkürzt. Zudem sorgen lokale Metzgereien, Milchverarbeiter, Backstuben oder Öl- und Getreidemühlen durch ihre Spezialitäten für eine höhere Vielfalt im Lebensmit­telangebot. Sie sollen deshalb stärker gefördert werden.

Die Fair-Food-Initiativen verlangt daher auch vom Bund, die Produktion und Verarbeitung regional und saisonal hergestellter Lebensmittel zu fördern. Dies kann über verschiedene Instrumente erfolgen, z.B. durch finanzielle Anreize, durch Zielvereinbarungen mit der Lebens­mittelbranche, mehr regionale und saisonale Produkte im Sortiment zu führen oder durch klare Kennzeichnung solcher Produkte. Diese Instrumente werden teilweise bereits heute erfolgreich eingesetzt. Durch die Initiative werden freiwillige Anstrengungen jedoch lukrativer und mit Zielvereinbarungen ver­bindlich.

Artenvielfalt statt Monokultur

Mit der Fair-Food-Initiative wird die ressourcen- und klimaschonende Herstellung von Lebensmitteln gestärkt. Sie fördert damit die naturnahe Landwirtschaft und den Schutz der Natur und der Artenvielfalt. Nachhaltig produzierte Lebensmittel sollen gegenüber umweltschädlichen Produkten aus industrieller Landwirtschaft einen Marktvorteil erhalten.

Industrielle, von Monokulturen und Massentierhaltung geprägte Landwirtschaft verbraucht rund 70 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Ressourcen wie Land, Wasser und Erdöl, produziert jedoch bloss 30 Prozent der Lebensmittel. Die einseitige Fokussierung auf Hoch­leistungs­pflanzen und über­züchtete Nutztiere sowie der massive Einsatz von Pestiziden und synthetischen Düngemitteln hat gravierende Folgen für die Umwelt: ausgelaugte Böden, ver­schmutzte Gewässer, enorme CO2-Emissionen, Sortenarmut und schrumpfende Biodiver­si­tät. Die Ernährungssicherheit der Bevölkerung wird dadurch langfristig gefährdet.

Auch in der Schweiz geht die Biodiversität aufgrund der Nahrungsmittelproduktion weiter zu­rück. Probleme bereiten insbesondere die übermässige Gewässerverschmutzung durch Pestizide und Gülle, die zu hohe Schadstoffbelastung der Böden durch synthetische Pflan­zenschutz- und Dünge­mittel, wie auch der massive Ausstoss klimaschädlicher Gase durch die Stickstoffdüngung und grosse Viehbestände.

Angesichts der Umweltprobleme, des Klimawandels und der steigenden Nach­frage nach Nahrungsmitteln braucht es entlang der gesamten Lebens­mittel­kette ein ökologi­sches Umdenken. Dies hält auch der 2008 veröffentlichte Weltagrar­be­richt der UNO und Weltbank fest. Um die Ernährungssicherheit zu gewährleisten, müssen kleinbäuerliche Strukturen und ökologische Anbau­methoden gefördert und gestärkt werden. Produktion und Verarbei­tung sollen möglichst in derselben Region stattfinden, in der die Lebensmittel ver­braucht werden.

Genau das will auch die Fair-Food-Initiative! Es braucht eine Landwirtschaft, die mit der Natur und nicht gegen sie arbeitet. Mit der Initiative sollen Lebensmittel, die aus einer umweltfreund­lichen und ressourcenschonenden Produktion stammen, einen Marktvor­teil erhalten. Damit wird die bäuerliche Landwirtschaft gestärkt. Auch die Klimabilanz von Transport und Lagerung soll verbessert werden. Die Initiative leistet dadurch auch in anderen Ländern einen wichti­gen Beitrag zum Schutz der Umwelt.

Auch in der Schweiz lässt sich in Punkto Ökologie noch vieles verbessern. Trotz der ökolo­gischen Fortschritte in den letzten zwanzig Jahren erfüllt die schweizerische Landwirtschaft die Umweltziele des Bundes noch nicht. Es gibt teilweise beträchtliche Ziellücken, wie die Pestizid­belastung der Gewässer und der Artenschwund in der Landwirt­schaft deutlich machen. Mit der Fair-Food Initiative wird eine weitere Ökologisie­rung auch im Inland gestärkt.

Gutes auf den Teller statt in den Müll

Ein Drittel der Lebensmittel landet heute bei uns im Abfall. Die Hälfte davon geht bereits auf dem Weg in die Verkaufsregale verloren. Die Fair-Food-Initiative verlangt Massnahmen, um die Lebensmittelverschwendung zu bremsen. Diese belastet die Umwelt, verteuert die Lebensmittel und ist vor dem Hintergrund des weltweiten Hungers nicht vertretbar.

Jährlich landet in der Schweiz rund ein Drittel aller Lebensmittel im Abfall. Dies entspricht rund zwei Millionen Tonnen oder 140‘000 vollbeladenen Lastwagen, die aneinandergereiht eine Kolonne von Zürich bis nach Madrid bilden. Jeder Haushalt gibt jährlich rund 2‘000.- Franken für Lebensmittel aus, die nie konsumiert werden. Diese Verschwendung ist ökolo­gisch unsinnig und belastet das Haushaltsbudget.

Die Hälfte der Lebensmittelverluste entsteht bereits, bevor die Esswaren überhaupt bei den KonsumentInnen ankommen. Diese fallen hauptsächlich bei der Verarbeitungsindustrie (30%) und in der Landwirtschaft (13%) an. Der grosse Verlustanteil bei der Verarbeitung kommt v.a. durch das Aussortieren minderwertiger Waren, durch Überschussproduktion oder durch Lebensmittel zustande, die beim Verpacken nicht in den Portionenbeutel passen.

Foodwaste lässt sich daher zu einem grossen Teil durch Prozessoptimierungen bei Produk­tion, Verarbeitung, Lagerung und Distribution vermindern. Nähe zwischen ProduzentInnen und KonsumentInnen sowie weniger Schnittstellen in der Nahrungsmittelkette bedeuten auch weniger Lebensmittelverluste. Mit der Fair-Food-Initiative wird Foodwaste allein schon durch die Förderung von saisonal und regio­nal hergestellten Produkten sowie deren Vermarktung eingedämmt. Zusätzlich erhält der Bund durch die Initiative den Auftrag, Massnahmen zur Eindämmung der Lebensmittelverluste zu ergreifen.

Krumm oder zu klein gewachsenes Obst und Gemüse soll zum Beispiel wieder in die Nahrungs­mittelkette einbezogen werden. Packungs- und Portionengrössen sind verbrauchergerecht zu gestalten und beispielsweise auch an die steigende Anzahl an Einpersonenhaushalte anzupassen – Verkaufsaktionen mit übergrossen Packungsmengen laufen diesem Trend gerade entgegen. Unvermeidbare Abfälle sollen nicht einfach ungenutzt weggeworfen, sondern sinnvollen Verwertungsketten zugeführt werden. So können z.B. Lebensmittelabfälle auch bei Privathaushalten mit Grüntonnen eingesammelt und in Biogasanlagen verwertet werden. Der Bund soll zudem Massnahmen ergreifen, um die Bevölkerung für einen bewussten Umgang mit Lebensmitteln zu sensibilisieren. Werden weniger Lebensmittel weg­geworfen, werden nicht nur knappe Ressourcen geschont, wir können auch besseres Essen geniessen, ohne dafür mehr bezahlen zu müssen.